Post-Groningen Ära schneller als erwartet

Im Januar bebte die Erde in Groningen, anschließend die Gaswirtschaft. Der Ausstieg aus dem L-Gas kommt schneller als ursprünglich erwartet und wird je nach Ausgestaltung und Erfolg den L- Gasmarkt oder die gesamte Gaswirtschaft betreffen. Die niederländische Regierung hat Förderkürzungen in Groningen beschlossen und sämtliche Verbrauchs- und Produktionsländer müssen ihren Beitrag zur Kompensation leisten. Aber reicht dies aus, um die Versorgungssicherheit im L-Gas zu gewährleisten und welche Signalwirkungen haben die beschlossenen Maßnahmen?

Der L-Gasmarkt

Die Niederlande sind der wichtigste Lieferant von L-Gas für Deutschland, Belgien und Frankreich. Neben der reinen Bereitstellung von Gasmengen sind die Niederlande zusätzlich ein wichtiger Flexibilitätslieferant für die L-Gasmärkte. Nachfolgendes Schaubild verdeutlicht die Rolle der Niederlande als einziger L-Gasexporteur. Die mit L-Gas versorgten Gebiete sind daher direkt von Förderkürzungen in den Niederlanden betroffen.

Abbildung 1: Bereitstellung (Förderung und technische Konvertierung) und Verbrauch von L-Gas

Die L-Gasproduktion in den Niederlanden

Anfang der 2010er Jahre nahm die Erdbebenaktivität um Groningen deutlich zu. Gleichzeitig stieg auch die Anzahl regulatorischer Eingriffe in die Gasproduktion. In den folgenden Jahren wurden die maximalen Fördermengen sukzessive gedrosselt:

  • Im Jahr 2014 wurde die maximale Fördermenge in einem Kaltjahr von 42 bcm/a auf 33 bcm/a abgesenkt.
  • Im Juni 2016 wurde eine Reduktion auf 30 bcm/a als Obergrenze beschlossen.
  • Im April 2017 wurde diese Obergrenze um weitere 10% auf dann 27 bcm/a reduziert.
  • Im November 2017 erklärte das Oberste Verwaltungsgericht der Niederlande sämtliche Beschlüsse zu Groningen für ungültig. Es stellte jedoch klar: Die Förderung darf keinesfalls höher als die letzte Festlegung von 27 bcm/a in einem kalten Jahr sein.

Kurz darauf ereignete sich im Januar 2018 in Groningen das stärkste Beben seit 2012. Dies belebte die politische Diskussion und stellt die Gaswirtschaft nun vor große Herausforderungen. Im März 2018 beschloss die niederländische Regierung weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Erdbebengefahr. Diese umfassen zusätzliche Förderkürzungen und erstmals eine Reduktion des Verbrauchs von L-Gas.

Abbildung 2: Historische und erwartete Produktion im Groningenfeld

Die Förderkürzungen umfassen eine deutliche Absenkung der Obergrenze auf 12 bcm/a. Diese soll spätestens im Oktober 2022 erreicht werden. Anschließend soll die Groningenproduktion bis 2030 komplett eingestellt werden. Abbildung 2 veranschaulicht die historische Produktion im Groningenfeld, sowie die geplanten Förderkürzungen.

Die Häufigkeit regulatorischer Eingriffe in die Groningenproduktion hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mittlerweile sind Einschränkungen vorhanden, mit denen die Versorgung nicht ohne weitere kompensierende Maßnahmen gewährleistet werden kann. Aus diesem Grund wurde keine sofortige Förderbegrenzung, sondern lediglich ein Absenkungspfad beschlossen. Weiterhin wurde der Neubau einer großen technischen Konvertierungsanlage und verschiedene Maßnahmen im Verbrauchssegment angekündigt.

Maßnahmen zur Absatzregulierung in Holland

Um den Gasverbrauch von L- bzw. G(roningen)-Gas in den Niederlanden deutlich zu reduzieren, sollen 170 industrielle Großverbraucher auf die Verwendung von niederkalorischem Gas bis 2022 verzichten. In Summe könnten hierdurch etwa 4,4 bcm/a eingespart werden, was die niederkalorische Erdgasbilanz spürbar entlasten würde. Das niederländische Wirtschaftsministerium macht in diesem Segment keine technologischen Vorgaben, wie und mit welchem Energieträger zukünftig Energie oder Kohlenstoffe bereitgestellt werden sollen.

Im Kleinkundenbereich sind jedoch explizite Vorgaben geplant. So stellt das niederländische Wirtschaftsministerium klar, dass es in der aktuellen Legislaturperiode zum Standard werden soll, bei Neubauten kein Gas mehr zu verwenden. Dies stellt einen harten Einschnitt für die Gaswirtschaft der Niederlande dar und zementiert zukünftige Entwicklungspfade ohne Marktmechanismen durch Technologieverbote.

Weiterhin werden auch Bestandsbauten in den Maßnahmen berücksichtigt. 30-50 tausend Einheiten sollen jährlich Erdgas-frei umgebaut werden. Bereits in 2018 soll mit ersten Wohnvierteln begonnen werden. Die angespannte Versorgungssituation im L-Gasmarkt führt nun zu Technologieverboten und scheinbar zu ordnungspolitischen Eingriffen. Gleichzeitig werden diese Maßnahmen mit dem notwendigen Erreichen von CO2 Zielen begründet.

Ist das eine Blaupause für Deutschland?

Die Formulierungen erinnern stark an einen der ersten Entwürfe des Klimaschutzplans 2050 des BMU. Schließlich wurde jedoch in Deutschland auf Technologieverbote verzichtet und auf eine Lösung durch den Markt gesetzt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Gas eine notwendige Voraussetzung zur Erreichung der CO2 Ziele und maßgeblich für die vollständige Integration der erneuerbaren Energien ist. Darüber hinaus unterstützt die bestehende Gasinfrastruktur das Energiesystem sowohl mit Energietransport als auch Flexibilität in einem zunehmend klimaneutraleren Deutschland.

enervis bietet hierzu eine Referenzstudie Sektorenkopplung an, die sich mit den Auswirkungen der Klimaziele auf Gasverteilnetze vor dem Hintergrund der nationalen Entwicklungen auseinandersetzt.

Es besteht die Möglichkeit, dass das Modell „Technologieverbot“ der Niederlande auch auf die deutschen L-Gasgebiete übertragen und somit der technologieoffene Ansatz, aufgrund der angespannten Versorgungslage im L-Gas, aufgegeben wird und schlussendlich auch auf den H-Gasmarkt ausgeweitet werden könnte.

Auswirkungen auf den L-Gasmarkt

Die Auswirkungen auf den L-Gasmarkt sind auch ohne solche Maßnahmen bereits massiv. Neben den Maßnahmen in den Niederlanden sind auch Deutschland, Belgien und Frankreich bestrebt, den Verbrauch an L-Gas zu reduzieren. Bereits vor den neuerlichen Förderkürzungen war in Deutschland die einhellige Marktmeinung, dass bei der Marktraumumstellung auf H-Gas keine Reserven mehr bestehen. Um die zukünftige Entwicklung besser einschätzen zu können, hat enervis alle geplanten Maßnahmen und die Mengenbilanzen für den L-Gasmarkt der nächsten Jahre einem Stresstest unterzogen. Welche Auswirkungen die Produktionskürzungen und kompensierenden Maßnahmen auf die Versorgungssicherheit in verschiedenen Szenarien haben, lesen Sie in unserem L-Gas FactSheet.

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Sebastian Klein

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