Der Berg kreißte und gebar… einen Kohleausstieg bis zum Jahr 2038

Nach langen Diskussionen liegen die Ergebnisse der Kohlekommission nun vor.
Die Marktakteure stehen nun vor der Herausforderung, die Regelungen zu bewerten und Handlungsoptionen abzuleiten. Diese enerviews beinhalten erste Analysen der Regelungen und diskutieren die Effekte. Bei Rückfragen stehen Ihnen unsere Experten gern zur Verfügung.

Votum der Kommission

Nun ist es offiziell: Deutschland soll bis spätestens Ende 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen. Das Kommissionsvotum ist damit nicht überraschend, liegt sehr nah an dem schon vor drei Jahren von enervis für die Agora Energiewende analysierten Ausstiegspfaden und dem, was in den letzten Monaten antizipiert worden war.

Für die Jahre 2022 und 2030 sind konkrete Zielmarken gesetzt. Im Jahr 2022 soll die installierte Kohlekapazität 30 GW (15 GW Braunkohle/15 GW Steinkohle) betragen. In 2030 wird eine installierte Leistung von 17 GW (9 GW Braunkohle/8 GW Steinkohle) empfohlen.
2018 waren knapp 41 GW Kohlekraftwerkskapazität installiert.
In den Jahren 2023, 2026 und 2029 erfolgt eine Bewertung der bis zu diesem Jahr umgesetzten Maßnahmen. Diese Haltepunkte könnten zu einer Anpassung der Geschwindigkeit des Ausstieges führen. Aus Sicht der Marktakteure, die nun zusätzliche Investitionen zu berücksichtigen haben, sind dies natürlich unwillkommene Unsicherheitsfaktoren, die in Szenarien zu bewerten sind.

Insgesamt ergibt sich der nachfolgend dargestellte Pfad (rechts). Links gegenübergestellt eine Vergleichsentwicklung. In diesem Referenzpfad orientiert sich die Laufzeit der Kohlekraftwerke allein an deren technischer und ökonomischer Lebensdauer, welche insgesamt deutlich über den Annahmen des Ausstiegspfads 2038 liegt. Wie zu erkennen, liegen die installierten Leistungen des Kohleausstieges 2038 unter denen der Referenz. Der Unterschied der installierten Leistungen liegt hier ab Mitte der 2020 in der Größenordnung von 9 bis 12 GW.

Wirkung auf den Strompreis

Wie zu erwarten wirkt sich eine Stilllegung in dieser Größenordnung signifikant auf den Strommarkt aus. enervis hat daher den Effekt des von der Kohlekommission empfohlenen Kohleausstiegspfades 2038 auf den Großhandelsstrompreis und die CO2-Minderung aus Kohlekraftwerken analysiert. Mit dem enervis-Strommarktmodell wurde eine vergleichende Szenariobetrachtung vorgenommen. Dem von der Kommission skizzierten Ausstiegspfad wurde der Referenzpfad gegenübergestellt.

Die Modellierungen zeigen, dass das Stromgroßhandelspreisniveau bei einer Umsetzung des von der Kommission empfohlenen Kohleausstiegspfads 2038 moderat über dem Niveau eines Vergleichsszenarios ohne forcierten Kohleausstieg liegt. So liegt der Jahresbasepreis des Szenarios Kohleausstieg 2038 im Referenzjahr 2022 um etwa 2,50 Euro/MWh über den Prognosen des Referenzpfades.
Im Referenzjahr 2030 liegt der Jahresbasepreis im Szenario Kohleausstieg 2038 etwa 3 Euro/MWh höher. Im Mittel der Jahre bis 2040 liegt die Preisdifferenz beim Jahresbasepreis bei etwa 3,50 Euro/MWh.
Diese, vergleichsweise moderaten, Effekte antizipieren aber bereits den Zubau zusätzlicher Gaskraftwerke im In- und Ausland, sowie die Erschließung zusätzlicher Flexibilitäten. Sollten sich diese nicht einstellen, so können die Effekt deutlich beeindruckender ausfallen. Diese Effekte führen zu höheren Erlösen für die im Markt verbleibenden Kraftwerke, auch aus Verbraucherperspektive wird der Ausstiegspfad Spuren hinterlassen, soweit etwaige Ausgleichsregelungen dies nicht auffangen.

Im Gegenzug sind durch einen forcierten Kohleausstiegspfad 2038 spürbar geringere CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung zu erwarten. Im Referenzjahr 2022 werden aus der Kohleverstromung etwa 34 Millionen Tonnen CO2 weniger emittiert als im Vergleichsszenario. Im Referenzjahr 2030 liegen die CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken circa 67 Millionen Tonnen unter denen eines Szenarios ohne forcierten Kohleausstieg.

Effekt auf den Marktwert der EE

Profiteur eines Kohleausstiegs 2038 sind auch die Erneuerbaren. So steigen die Marktwerte für Wind- und PV-Anlagen im Sog des ansteigenden Basepreis im Ausstiegsszenario. Im Referenzjahr 2022 liegen die bundesweiten durchschnittlichen Jahresmarktwerte für Wind und PV fast 2 €/MWh über den Werten des Szenarios ohne forcierten Kohleausstieg. Für das Jahr 2030 beträgt die Marktwertdifferenz zwischen den Szenarien etwas mehr als 2 €/MWh.

Effekte auf die Stromhandelsbilanz

Durch den Kohleausstieg 2038 werden bereits in den kommenden drei Jahren erhebliche Mengen an Kohlestrom aus dem Markt genommen. In der Handelsbilanz schlägt sich diese in einem Saldoimport auf Jahresbasis nieder, für Deutschland als traditionellen Stromexporteur eine völlig neue Situation. Vor allem aus Tschechien und Frankreich wird im Jahressaldo mehr Strom importiert, temporär auch aus den Niederlanden und der Schweiz. Der Stromexport nach Österreich geht deutlich zurück. Auch langfristig wird Deutschland wesentlich stärker auf Stromimporte angewiesen sein und selbst weniger exportieren, als in einem Marktszenario ohne forcierten Kohleausstieg. Diese Effekte sind insbesondere im Kontext des marktbasierten Zubaus von EE relevant (z.B. auch PPAs).

Entschädigungsregelungen

Die Kohlekommission votiert, wie auch erwartet, für eine voranging einvernehmliche Lösung. Um ein solches Einvernehmen zu erreichen, werden naturgemäß Entschädigungszahlungen notwendig sein. Diese sind von der Kommission in Ihrer grundlegenden Ausgestaltung beschrieben, wenngleich hier viele wichtige Details einer gesetzlichen Ausgestaltung harren.

Die nachfolgende Abbildung zeigt eine Übersicht der Rahmenbedingungen durch die Kommission in einer Differenzierung entlang des Energieträgers (Braun-/ Steinkohle) und entlang des Zeitstrahls.

Wenngleich der Text des Abschlussberichts Unschärfe birgt, gerade in der Frage, welche Regelungen für Braun- und welche für Steinkohle gelten sollen, so lässt doch die folgende Schwerpunktsetzung vermutet:

  • Braunkohle: Hier wird eine einvernehmliche Verhandlungslösung angestrebt. Bei den Entschädigungen wird eine Präferenz für die Weiterentwicklung der Regelungen der Sicherheitsbereitschaft deutlich. Dies impliziert eine Kompensation der am Strommarkt einspielbaren Deckungsbeiträge zzgl. etwaiger Zusatzkosten, z.B. aus Effekten innerhalb des Braunkohlesystems.
  • Steinkohle: Hier sollen die Stilllegungen freiwillig erfolgen. Die dafür notwendigen Stilllegungsprämien sollen wohl per Ausschreibung ermittelt werden. Alternativ zur Ausschreibung ist aber auch eine Festlegung von Stilllegungsprämien nicht ausgeschlossen. Für die KWK Anlagen unter den Kraftwerken kommt als Alternative dabei der so genannte Kohleersatzbonus aus dem KWKG in Frage. Dieser beträgt aktuell 6 €/MWh für den KWK-Anteil der Anlage. Eine parallele Nutzung der Stilllegungsprämien soll nicht oder nur begrenzt („überwiegend“) möglich sein.

Festhalten lässt sich schon einmal, dass die Kraftwerksbetreiber insgesamt, insbesondere aber die Braunkohlekraftwerksbetreiber durchaus zufrieden mit der Linie des Konsens sein können.

Nur als Rückfalllösung, wenn also die angeratenen Lösungen nicht umsetzbar sind oder nicht ausreichen, soll eine ordnungsrechtliche Umsetzung erfolgen, dies dann aber auch mit Entschädigungen unterlegt.

Gerade in Bezug auf die Ausschreibungen ergeben sich natürlich viele relevante Umsetzungsfragen, die im Detail durch den Gesetzes-/ Verordnungsgeber zu klären sein werden. Gut vorstellbar vor dem Hintergrund der vergleichbaren Märkte wäre sicherlich eine pay-as-bid Auktion mit einem einer Degression unterliegenden Höchstsatz.

Fazit

Die Kommissionsempfehlung setzt nun den Startschuss der politischen Diskussion. Der aktuell vorliegende Pfad wird nicht ohne Anstrengungen zu erreichen sein: Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und damit letztendlich den Kohleausstieg à la Kommission zu ermöglichen, muss auch über die Ersatzinvestitionen gesprochen werden. Dies impliziert neue oder zumindest justierte Anreizsysteme insbesondere für Gaskraftwerken, KWK und Speicher.

Aus Sicht der Marktakteure gilt es den Ausblick auf den Strommarkt unter den neuen Rahmenbedingungen zu aktualisieren. Dies betrifft die Bewertung von Bestandsanlagen und Neuinvestitionen in Kraftwerke aller Art, Speicher, aber auch Erneuerbaren Projekte, insb. im Kontext von PPA.

Insbesondere für die betroffenen (Steinkohle-) Kraftwerke ergeben sich aus einem solchen Umfeld komplexe und hochrelevante strategische Fragen (KWKG oder Stilllegungsprämie, Zeitpunkt der Auktionsteilnahme, Gebotsstrategie…). Wir stehen Ihnen für eine detaillierte Bewertung der Rahmenbedingungen gern zur Verfügung.

Darüber hinaus stellt Ihnen enervis ein kostenfreies powerpoint Slide-Deck zu den Ergebnissen der Kommission zur Verfügung.
Wenden Sie sich hierzu an die unten aufgeführten Ansprechpartner.

Ihr Ansprechpartner bei enervis

Herr Julius Ecke julius.ecke@enervis.de
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