Erhöhung der Regel- und Ausgleichsenergieumlage im Marktgebiet Gaspool

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Zum 01. Oktober 2014 steigt die Regel- und Ausgleichsenergieumlage (RAU) im Markgebiet GASPOOL auf 0,90 €/MWh. Mit dieser Meldung hat GASPOOL im August 2014 viele Marktteilnehmer überrascht. Im laufenden Jahr schüttete GASPOOL an die Bilanzkreisverantwortlichen fast 177 Mio. € aus, um Überschüsse auf dem Umlagekonto abzubauen. Sowohl die jetzige Erhöhung der RAU als auch deren Ausmaß kommt unerwartet. Mangelnde Transparenz und optimistische Ausschüttungspolitik? Eine Bestandsaufnahme.

Das Umlagekonto
Zum Ausgleich und zur Vermeidung von Unterdeckungen des sogenannten Umlagekontos wurde die Regel- und Ausgleichsenergieumlage eingeführt und auf alle Ausspeisungen an Letztverbraucher der Fallgruppen SLP und RLMmT erhoben.

Das Umlagekonto selbst weist die Differenzen sämtlicher Zahlungsflüsse zur Aufrechterhaltung der bilanziellen Gasflüsse des Marktgebietsverantwortlichen aus. Hierzu gehören die Kosten und Erlöse von: der Bereitstellung notwendiger positiver und negativer Regelenergie, dem Bilanzausgleich und der Mehr- und Mindermengenabrechnung.

Die RAU soll den entstehenden Defiziten dieser Zahlungsflüsse entgegenwirken. Doch treten diese Defizite noch in erheblichem Maße auf?

Analyse der Zahlungsflüsse
Für die Analyse bedarf es eines Blicks auf die Beschaffung und Veräußerung von Regelenergie sowie dessen verursachenden Elementen: die Ungleichgewichte zwischen Ein- und Ausspeisung verursacht durch Prognosefehler einerseits (Ausgleichsenergie der Bilanzkreise) und unzureichende Standardlastprofile andererseits (Schiefstände der Netzkonten, d.h. Allokation ungleich Physik).

Die Preise der Regelenergie nähern sich in den vergangenen Jahren immer weiter dem Spotpreis des Gases an. Mit der Einführung des Zielmodells Regelenergie wurden jedoch die Möglichkeiten der Regelenergiebeschaffung mindestens eingeschränkt. Dies führte insbesondere bei lokalen Regelenergieabrufen über bilaterale Plattformen zu Preisverwerfungen. Dies kann auch zu Verwerfungen in den Erlös und Kostenstrukturen des Umlagekontos führen. Der Abbildung 1 kann entnommen werden, dass sich die Preise der Regelenergie großteils innerhalb der Spannbreite der asymmetrischen Ausgleichsenergiepreise bewegten – bis Oktober 2013. Die im GWJ 13/14 aufgetretenen Verwerfungen führten zu einem verschobenen Kosten- und Erlösverhältnis.

Darüber hinaus wird Regelenergie zum Ausgleich unzureichender Standardlastprofile benötigt. Die Netzkonten werden über verschiedene Verfahren der Mehr- und Mindermengenabrechnung (MMMA) zu monatsdurchschnittlichen Spotpreisen ausgeglichen. Hier ist insbesondere der mögliche Zeitversatz zwischen Regelenergiebedarf und Abrechnung der MMMA für einen Schiefstand des Umlagekontos verantwortlich. Dennoch hat der Marktgebietsverantwortliche die Möglichkeit, bei besonders schweren Ungleichgewichten eine zeitnahe Abrechnung des Netzkontos zu verlangen.

Sowohl für die Ausgleichsenergie als auch für die MMMA gilt folgendes: Treten Verwerfungen der Regelenergiepreise zum Spotmarktpreis des Gases auf – insbesondere über die Preise der Ausgleichsenergie hinaus – kann dies zu erhöhten Kosten bei gleichbleibenden Einnahmen und damit einem Defizit im Umlagekonto führen.

Mangelnde Transparenz bei der Prognose des Umlagekontos
Die Erhöhung der RAU im Gaspool-Marktgebiet ist im Markt auf Unverständnis gestoßen. Insbesondere Versorger kleinerer Endkunden müssen Preise adaptieren, um der gestiegenen RAU Rechnung zu tragen. Dies verursacht Aufwand und Kosten. Berechtigterweise wird daher die Politik von Gaspool in Zweifel gezogen: Erst ausschütten und dann erneut eine RAU erheben?

Ein Blick auf die von Gaspool veröffentlichten Daten zum Umlagekonto zeigt: Ende Juli wurde ein positiver Saldo in Höhe von 195 Mio. € verzeichnet. (Abbildung 2) Um die Notwendigkeit der Erhöhung der RAU zu prüfen, hat enervis auf Basis der veröffentlichten Daten eine einfache Prognose des Umlagekontos der kommenden 12 Monate vorgenommen. Hierfür wurden zwei Szenarien gerechnet. Das erste Szenario schreibt die monatsdurchschnittlichen Kosten und Erlöse der vergangenen Jahre seit Oktober 2011 fort. Das zweite Szenario nutzt die Erlöse und Kosten des vergangenen Jahres zur Prognose, da das GWJ 13/14, wie zuvor dargestellt, ein nur mäßiges Erlös- und Kostenverhältnis aufwies. Beide Szenarien sind in Abbildung 2 in den oberen Grafiken unter Berücksichtigung der neu erhobenen RAU berechnet worden, in den unteren Grafiken unter Verzicht einer erneuten RAU Erhebung.

Im Szenario I wird beginnend zum Oktober 2015 auch ohne RAU ein Kontostand von ca. 180 Mio. € erreicht werden. Das Szenario II weist immerhin noch 97 Mio. € zum gleichen Zeitpunkt aus. Auf Basis der veröffentlichten Daten und der Prognose auf Basis des Szenarios II kann die erneute Einführung der RAU zwar nachvollzogen werden, dennoch stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung nicht bereits vor der ersten Ausschüttung hätte beobachtet werden können. Hier bedarf es zukünftig erhöhter Transparenzanforderungen für die betroffenen Marktteilnehmer.

Wirft man einen Blick auf die Veröffentlichungspflichten der Übertragungsnetzbetreiber im Strom und die dortige Transparenzplattform, werden alle Annahmen zur Prognose der EEG-Umlage detailliert und nachvollziehbar veröffentlicht. Im Gas hingegen kann auf Basis der veröffentlichten Daten der Schritt Gaspools zur Ausschüttung und anschließenden RAU Erhebung nur schwer nachvollzogen werden. Hier sind weitgehende transparente Informationen zu allen Kosten- und Erlösbestandteilen, sowie den Verursachern (z.B. prognostizierter Regelenergiebedarf und Preis) notwendig.

Umlagekonto als Puffer
Das Umlagekonto soll dem Marktgebietsverantwortlichen auch als Puffer dienen, um in extremen Marktsituationen nicht in Finanzierungsengpässe zu geraten. Das Zielmodell Regelenergie kann diesen Puffer im kommenden Winter unter Druck setzen. Dennoch werden Marktteilnehmer dieses positive Marktumfeld der lokalen Regelenergie wahrnehmen und entsprechend eine Konsolidierung herbeiführen. In der Folge sollten sich in den kommenden Monaten die Regelenergiepreise dem Spotmarktpreis annähern.

Offensichtlich hat Gaspool jedoch zur Vorsicht den eigenen Berechnungen deutliche Unterschiede zwischen Regel- und Ausgleichsenergiepreisen zu Grunde gelegt – wie im vergangenen Winter tatsächlich aufgetreten. Aufgrund der mangelnden Transparenz kann der Markt keine näheren Untersuchungen anstrengen. Offen bleibt dennoch die Frage: Warum wurden Ausschüttungen in Höhe von 177 Mio. € vorgenommen, wenn über die nun eingeführte RAU schätzungsweise erneut 120 Mio. € eingesammelt werden müssen?

Um dem Markt Vertrauen in das Umlagesystem zu geben, bedarf es Kontinuität! Hohe Schwankungen und spätere Rückzahlungen eröffnen etliche Streitpunkte in der Gaslieferkette. Endkunden fordern die Umlage zurück, Stadtwerke müssen gegenüber Ihren Vorlieferanten diese Forderungen ebenfalls geltend machen, sofern sie nicht in der komfortablen Situation eines eigenen Bilanzkreises sind. Weiterhin müssen ggf. zusätzliche Preisanpassungen durch die Versorger initiiert werden. Diese Prozedere binden Ressourcen und verursachen Kosten. Erklärtes Ziel der Marktgebietsverantwortlichen und der Bundesnetzagentur muss daher die Kontinuität der RAU sein und das Zurückgewinnen des Vertrauens durch eine Transparenzoffensive.

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enervis-Autor
Sebastian Klein

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