Der Energy-Only-Markt ist tot – es lebe der Energy-Only-Markt! Studienpaket für das BMWi empfiehlt Weiterentwicklung zu einem EOM 2.0

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Gut 1.000 Seiten umfassen die Studien, die das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) zum Thema „Strommarktdesign“ bei diversen Instituten im Herbst 2013 beauftragt hat. Rund 10 Monate hat ihre Erarbeitung gedauert, nun liegen erste Empfehlungen vor. Welche Richtung gibt dieses Paket von energiewirtschaftlichen Untersuchungen der Diskussion um das zukünftige Strommarktdesign? Diese enerviews versuchen sich an einer Zusammenfassung. Eine umfassende Einordnung der aktuellen Diskussion nimmt enervis im Rahmen der Workshopreihe „Update Kapazitätsmärkte“ am 11.11. in Stuttgart und 26.11.14 in Köln vor.

Diskussion um das Strommarktdesign geht in neue Phase
Die Debatte um ein neues Strommarktdesign für Deutschland läuft nun seit ca. drei Jahren, verschiedene Vorschläge wurden vorgelegt und diskutiert. Das BMWi hat sich zum Ziel gesetzt, die Debatte mit dem nun veröffentlichten Konglomerat an energiewirtschaftlichen Studien voranzutreiben (1). Die Studien adressieren folgende zwei Fragestellungen:

  • Ist der Energy-Only-Markt (EOM) in seiner heutigen Ausgestaltung langfristig geeignet, Versorgungssicherheit zu gewährleisten, bzw. welche Anpassungen am EOM sind notwendig, damit dies gelingen kann?
  • Welche Auswirkungen hätte die Einführung der vorgeschlagenen Kapazitätsmechanismen (dezentraler Leistungsmarkt, zentraler Kapazitätsmechanismus, fokussierter Kapazitätsmechanismus) und wie sind diese im Vergleich untereinander zu bewerten?

Zur Bearbeitung dieser Fragestellung wurden u.a. die nachfolgend dargestellten fünf Studien bzw. Arbeitspakete beauftragt; sie wurden teilweise noch getrennt durch BMU und BMWi vergeben, was gewisse Dopplungen der Untersuchungsgegenstände erklären mag:

Kurzzusammenfassung der Studieninhalte
Die einzelnen Studien haben folgende Inhalte und Ergebnisse:

Arbeitspaket 1: Optimierung des Strommarktdesigns
Die Studie enthält konkrete Vorschläge zur Anpassung des EOM, insbesondere zur Anpassung von Markt- und Produktregeln, welche die Teilnahme von Flexibilitätsoptionen (vor allem Lastflexibilität) im EOM verbessern sollen. Hierfür werden kurzfristig umzusetzende „No-Regret-Maßnahmen“ für einen EOM 2.0 vorgeschlagen. Diese sind u.a. Aufhebung des Mark-Up-Verbotes, Einführung von 15-Minuten-Produkten im day-ahead-Handel, verbesserte Anreize zur aktiven Bewirtschaftung von Bilanzkreisen, Änderung der Präqualifikationsbedingungen und kurzfristigere Ausschreibung von Sekundär- und Primärregelleistung, Flexibilisierung von KWK-Anlagen sowie Ausweitung der EE-Direktvermarktung.

Arbeitspaket 2: Versorgungssicherheit im europäischen Verbund
Die Studie enthält im Wesentlichen eine Diskussion von Versorgungssicherheitsdefinitionen (probabilistisch vs. statisch). Als Fazit benennt sie die Vorteile eines europäisch abgestimmten Vorgehens zum Monitoring der Versorgungssicherheit. Das Reduktionspotenzial bei der nationalen Leistungsvorhaltung durch die Berücksichtigung von Binnenmarkteffekten (CWE-Verbund zzgl. umgebender Länder) gibt die Studie mit ca. 5% der nationalen Spitzenlasten an.

Arbeitspaket 3: Funktionsfähigkeit EOM & Impact-Analyse Kapazitätsmechanismen
Die Studie diskutiert die Funktionsfähigkeit des EOM und nimmt eine Modellierung und qualitative Bewertung des EOM und verschiedener Kapazitätsmechanismen vor. Als Ergebnis wird ein EOM 2.0 (ggf. ergänzt durch eine Reserve) empfohlen, der der Einführung von Kapazitätsmechanismen vorzuziehen sei. Grundlage für diese Schlussfolgerung der Autoren ist insbesondere die Erschließung umfassender Potenziale (fixkostenfreier) Lastflexibilität im Umfang von bis zu rund 11 GW bis 2030. Weiterhin wird argumentiert, dass die im Terminmarkt implizit vorhandene Leistungspreiskomponente die Refinanzierung von Leistung ermöglicht. Sofern ein Kapazitätsmechanismus politisch gewollt ist, empfehlen die Autoren die Einführung eines dezentralen Leistungsmarktes, der insbesondere in Bezug auf seine Effizienz, Umsetzbarkeit und Regulierungsrisiken einem zentralen oder fokussierten Mechanismus vorzuziehen sei.

Studie A: Leistungsfähigkeit des EOM
Die Studie diskutiert insbesondere externe Effekte des EOM und Möglichkeiten zur Begrenzung dieser zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Als Ergebnis wird postuliert, dass der EOM bei geeigneter Ausgestaltung Versorgungssicherheit gewährleisten könne. Dafür ist laut Studienautoren insbesondere eine explizite Akzeptanz von Knappheitspreisen („Peak Load Pricing“) notwendig, sowie Anreize für bzw. Abbau von Barrieren für die Integration von Nachfrageflexibilitäten und bisher marktfernen Erzeugungsanlagen (z. B. Netzersatzanlagen (2)). Sollten diese Potenziale nur unzureichend erschlossen werden können, ist die langfristige Funktionsfähigkeit des EOM laut Studie fraglich.

Studie B: Folgenabschätzung Kapazitätsmechanismen (Impact Assessment)
Die Studie liefert eine qualitative und quantitative Bewertung der Kapazitätsmarktvorschläge dezentraler Leistungsmarkt und zentraler sowie fokussierter Kapazitätsmechanismus. Im Ergebnis kommen die Autoren zu der Empfehlung, dass ein EOM mit Reserve oder ein dezentraler Leistungsmarkt einem zentralen oder fokussierten Mechanismus vorzuziehen sei. Auch wenn ein dezentraler Leistungsmarkt vergleichbar hohe Effizienzpotenziale habe wie der EOM 2.0, sei eine Weiterentwicklung des EOM erste Wahl.

In Summe kommen die verschiedenen Studienautoren somit zu der (abgestimmten) Empfehlung, die Politik solle den bestehenden EOM weiterentwickeln und von der Einführung eines Kapazitätsmechanismus absehen. Damit der in den Studien empfohlene EOM 2.0 langfristig funktionsfähig und für die Verbraucher tragbar ist, müssen jedoch verschiedene Voraussetzungen und Annahmen eintreten, die in Abbildung 2 zusammengefasst sind.

Kritik an den Studien
An genau diesen Annahmen entzündet sich die Kritik an den Studien, denn auf ihnen beruht die positive Prognose zur langfristigen Funktionsfähigkeit und den Vorteilen des EOM gegenüber Kapazitätsmechanismen. So ist insbesondere die ad hoc Erschließung umfassender Lastflexibilitätspotenziale zu niedrigen bzw. keinen (Fix-)Kosten eine konstituierende Annahme dafür, dass im EOM auch auf lange Sicht für keinen Anbieter von Leistung eine systematische Deckungslücke auftritt. Werden Umfang und Erschließungskosten des Potenzials von Lastflexibilität, Netzersatzanlagen oder des Beitrags von Kuppelstellen zum Ausland pessimistischer eingeschätzt als in den Studien angenommen, so stellt dies die Bewertungsergebnisse grundlegend in Frage. Gleiches gilt für die Frage der politischen Akzeptanz von hohen und häufigen Knappheitspreisen. So kann hinterfragt werden, ob die in den Studien angenommenen Maßnahmen erstens in dem unterstellten Umfang und der angenommenen Qualität verfügbar sind und zweitens, ob sie alleine ausreichen, die Funktionsfähigkeit des EOM langfristig zu garantieren.

Konsequenzen eines EOM 2.0 für das Erzeugungssegment
Geht man von der Weiterführung des EOM ohne Einführung eines Kapazitätsmechanismus aus, so ist die zentrale Konsequenz das perspektivische Auftreten von Knappheitspreisen. Diese müssen in ausreichend vielen Stunden über den variablen Kosten der letzten Erzeugungseinheit liegen („Peak Load Pricing“ bzw. lastseitige Preissetzung), um eine Vollkostendeckung des gesamten Kraftwerksparks zu ermöglichen. Für die energiewirtschaftliche Bewertung von Bestands- und Neubaukraftwerken würden damit die Einschätzung der zukünftigen Preisstruktur und vor allem die Erwartungen zum Auftreten von Knappheitssituationen im EOM (Häufigkeit, Dauer und Höhe von Knappheitspreisen) essentiell. Insbesondere für längere Vorschauzeiträume ist dies eine komplexe Prognose- und Bewertungsaufgabe.

Vorerst stehen jedoch weitere Diskussionen zum Strommarktdesign (Funktionsfähigkeit des EOM vs. Bedarf für einen Kapazitätsmechanismus) sowie die diesbezüglichen Konsultationen im politischen Raum (Grünbuch und Weißbuch) an. Die wichtigsten Wirkungsweisen und Effekte der verschiedenen Marktdesign-Vorschläge stellt enervis im Rahmen der Workshopreihe „Update Kapazitätsmärkte“ am 11.11.14 in Stuttgart und 26.11.14 in Köln vor. Dabei werden auch die Konsequenzen einer Fortführung des EOM und des Auftretens von Knappheitspreisen diskutiert und anhand von exemplarischen Modellergebnissen erläutert. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

Fußnoten
(1) Hierfür ist seitens des Ministeriums folgender Zeitplan vorgesehen: Diskussion der Leitstudie Strommarkt bis 09/2014, Erstellung Grünbuch (Diskussionsvorlage) bis 11/2014, Erstellung Weißbuch (konkretisierter Vorschlag) bis 06/2015, Marktdesign-Gesetz (EnWG-Novelle) bis 08/2016.

(2) Gemeint sind hiermit vor allem Notstromaggregate.

enervis-Autoren
Dr. Nicolai Herrmann
Julius Ecke

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